Kaum ein Tech-Begriff hat sich so schnell entwickelt wie «Vibe Coding»
Collins Dictionary kürte ihn zum Wort des Jahres 2025, und im Februar 2026 hat er sogar die Börsen bewegt: Innerhalb von 48 Stunden verloren SaaS-Unternehmen rund 285 Milliarden Dollar an Marktwert – ausgelöst durch die Frage, ob KI-Agenten und Vibe Coding klassische Software-Abos bald überflüssig machen. Die Wall Street nennt das inzwischen die «SaaSpocalypse».
Was heisst das für dich als Unternehmen, das zwischen No-Code, Vibe Coding und klassischer Softwareentwicklung entscheiden muss? Wir räumen mit Mythen auf, zeigen dir die Stärken beider Ansätze und warum die SaaSpocalypse eigentlich für No-Code spricht, nicht dagegen.
Was ist eigentlich No-Code und wie hat es sich entwickelt?
No-Code ist kein neues Phänomen. Schon um 2018 begannen visuelle Entwicklungsplattformen, den Markt zu verändern. Wer sich damals damit beschäftigte, stiess oft noch auf Skepsis: Die Tools galten als Spielerei, geeignet allenfalls für Prototypen oder MVPs. Tools wie Webflow, monday.com oder Make steckten noch in den Kinderschuhen, und viele Unternehmen beobachteten das Ganze eher belächelnd aus der Ferne.
Das hat sich grundlegend gewandelt. Weil immer mehr Unternehmen No-Code-Lösungen nachfragten, wuchsen die Plattformen massiv. Heute lassen sich damit nicht nur einfache Webseiten bauen, sondern vollständige, skalierbare Unternehmensanwendungen: CRMs, Projektmanagement-Tools, Reporting-Systeme, Prozessautomatisierungen, kundenspezifische Applikationen mit Custom Design und Custom-Funktionen – für Kantone genauso wie für mittelständische Unternehmen und Enterprises.
Der entscheidende Unterschied zu früher
No-Code ist keine erste Phase mehr, nach der man zu klassischer Entwicklung wechseln muss. Unternehmen können damit prototypen, iterieren und dann direkt in ein stabiles, wartbares Live-System übergehen – ohne einmal in eine Zeile Code geschaut zu haben.
AI meets No-Code: Wie AI in die Plattformen eingezogen ist
Bevor wir zu Vibe Coding kommen, lohnt sich ein Blick auf eine Entwicklung, die beide Welten verbindet: die Integration von AI in No-Code-Tools.
Der erste Schritt war wenig spektakulär: Teams fingen an, ChatGPT, Claude oder Gemini für ihre tägliche No-Code-Arbeit zu nutzen – als Recherchetool, für Schnittstellenfragen, zum Brainstormen.
Der zweite Schritt war interessanter: AI wurde direkt in die Workflows integriert. In monday.com kann man zum Beispiel ein Dokument hochladen und automatisch Daten in Spalten extrahieren lassen – was vorher ein Mensch manuell machen musste.
Der dritte Schritt: Die No-Code-Plattformen selbst begannen, AI in ihre eigenen Werkzeuge zu integrieren – und dieser Schritt hat sich seit Anfang 2026 noch einmal beschleunigt. Anthropics Launch von Claude Cowork, einem System, das Wissensarbeit autonom übernehmen kann, war genau der Auslöser der SaaSpocalypse. Die Einschränkung bleibt allerdings dieselbe: Über klassisches Coden gibt es Millionen von Büchern und Foren-Einträgen, über das optimale Aufbauen eines Monday-Boards kaum öffentliches Wissen. Dieses Wissen steckt nach wie vor in den Köpfen erfahrener Consultants.
Was ist Vibe Coding und wie ernst muss man es 2026 nehmen?
Am 3. Februar 2025 schrieb Andrej Karpathy – Mitgründer von OpenAI und Ex-KI-Chef bei Tesla – einen Post auf X, der Millionen Views bekam. Er beschrieb eine neue Art zu programmieren, bei der man sich «den Vibes hingibt, exponentielles Wachstum umarmt und vergisst, dass Code existiert.» Er nannte es Vibe Coding – ursprünglich gedacht für «Wegwerf-Wochenendprojekte».
Der Begriff hat seither eine enorme Eigendynamik entwickelt. Was 2025 noch ein Hype-Wort war, ist 2026 Alltag im Entwicklungsbetrieb: 92 % der US-Entwickler nutzen inzwischen täglich AI-Coding-Tools, rund 41 % des geschriebenen Codes gilt heute als AI-generiert. Der Markt für Vibe-Coding-Plattformen liegt 2026 bei rund 4,7 Milliarden Dollar, mit Wachstumsraten von über 38 % pro Jahr. 63 % der Nutzer sind dabei nach wie vor Nicht-Entwickler, die eigene Apps und UIs bauen.
Der entscheidende Unterschied zu No-Code bleibt
Bei Vibe Coding ist die menschliche Sprache die neue Programmiersprache. Ein AI-Modell erzeugt echten Code – theoretisch ohne jede Limitierung, aber auch ohne die Sicherheitsnetze und Governance, die eine etablierte Plattform mitbringt. No-Code arbeitet dagegen mit vorgefertigten, geprüften Bausteinen – die Plattform definiert, was möglich ist, und übernimmt dafür auch die Verantwortung für Sicherheit und Wartung.
Der Trust-Paradox: Warum selbst Entwickler ihrem eigenen Code nicht trauen
Was 2025 noch Randnotiz war, ist 2026 die zentrale Spannung im Markt: 92 % der Entwickler nutzen AI-Coding-Tools täglich – aber nur noch 29 % vertrauen dem Code, den diese Tools produzieren. Das Vertrauen ist innerhalb eines Jahres von rund 40 % auf 29 % gefallen. Gleichzeitig zeigt eine Stanford-Studie, dass Entwickler mit AI-Tools tendenziell unsicherer strukturierten Code schreiben – während sie sich gleichzeitig sicherer fühlen, dass er sicher sei.
Das deckt sich mit strukturellen Analysen: Von 1'645 öffentlich zugänglichen Lovable-Apps hatten 170 kritische Sicherheitslücken – offene Datenbankzugänge, exponierte API-Schlüssel, fehlende Authentifizierung. Kein Vorwurf an die Menschen, die diese Apps gebaut haben. Es ist ein strukturelles Problem: Wer nicht weiss, dass es diese Risiken gibt, kann sie auch nicht abfragen.

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